Landesmeisterschaften 2022 in Oldenburg – Von Charkiw nach Oldenburg

Von Bernd Teuber

Charkiw, die Millionenmetropole im Nordosten der Ukraine, ist nicht nur die zweitgrößte Stadt des Landes und das nach Kiew bedeutendste Wissenschafts- und Bildungszentrum, sondern auch die Heimat der 12jährigen Vasilisa „Lisa“ Demydova. Hier wuchs sie auf, ging zur Schule und begann vor fünf Jahren mit dem Fechtsport. „Ich weiß gar nicht wie sie darauf gekommen ist. In der Familie betreibt keiner diesen Sport und in der Stadt sind andere Sportarten populärer. Auf einmal stand sie da und sagte das sie fechten möchte“, erinnert sich Mutter Antonina an die sportlichen Anfänge ihrer Tochter zurück und zeigt sich dabei gar nicht mal so unglücklich über die Wahl. „Fechten ist ein schöner Sport und fördert das strategische Denken. Außerdem ist es nicht so belastend für den Körper wie zum Beispiel Sportgymnastik“.

Focht sie in den Anfängen noch mit dem Degen wechselte sie nach einer einjährigen Trainingspause zum Florett, mit dem sie auch schon wettkampfmäßig unterwegs war. Aber dann kam der 24. Februar und mit einmal war nichts mehr so wie früher. Russische Bomben machten ein normales Leben wie sie es bisher kannte nahezu unmöglich. Anstatt in die Schule und zum Fechten zu gehen, die Fechtschule wurde bei einem Bombenangriff teilweise zerstört, pendelte sie nun zwischen Keller und Badezimmer der elterlichen Wohnung hin und her. „Die letzten zehn Tage in Charkiw haben wir faktisch in unserem Badezimmer gelebt“, berichtet Antonina Demydova stockend und man sieht ihr dabei deutlich an wie sie die Erinnerungen quälen. „Das schlimmste war nicht das Geräusch der explodierenden Bomben, denn wenn man das hörte wusste man das man diesmal davongekommen ist, viel schlimmer waren die Flugzeuge weil man nicht wusste wo die nächste Bombe einschlägt“.

Nach anderthalb Wochen ständiger Angst entschloss man sich dann die Heimatstadt zu verlassen und nach Oldenburg zu gehen wo eine Jugendfreundin von Lisas Vater lebt. Der musste allerdings in Charkiw zurückbleiben, wo er gemeinsam mit Freunden anderen Menschen hilft zu überleben. „Unsere Familie und Freunde sind alle noch dort, aber zum Glück müssen sie nicht als Soldaten kämpfen“. Nach fünftägiger Odyssee mit Zug und Bus kamen Mutter und Tochter wohlbehalten und froh dem Bombenterror entkommen zu sein endlich in Oldenburg an. Was bleibt ist die Angst um die Liebsten im 2200 km entferntem Charkiw. Nachdem die Beiden zunächst bei der Jugendfreundin untergekommen waren, wohnen sie mittlerweile bei einer deutschen Familie in Bremen. Von hier aus pendelt die 12jährige nun zweimal die Woche zum Training beim Fechtclub zu Oldenburg wo sie bereits eine Woche nach ihrer Ankunft in Oldenburg am 10. März erstmals am Training teilnahm.

„Anfangs wirkte sie noch etwas verschüchtert, aber am Ende hat man gemerkt das sie sich bei uns so richtig wohlgefühlt hat“, freute sich Fechtmeister Wilfried Lipinski ob der schnellen Integration der jungen Ukrainerin, die kein Deutsch und nur wenig Englisch spricht. „Aber irgendwie haben die Kinder es geschafft sich miteinander zu verständigen. Das zeigt einmal mehr das Sport verbindet und somit ein hervorragendes Mittel zur Integration ist“.

Allen interessierten Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine bietet der Fechtclub zu Oldenburg ab sofort an beitragsfrei im Verein zu trainieren. Hierfür sucht man im Verein noch Mitglieder die bereit sind Patenschaften zu übernehmen. Den Anfang machte Dr. Heide Wolff, die Witwe von Vereinsgründer Prof. Dr. Jörg Wolff, die auch ehrenamtlich in der Oldenburger Flüchtlingshilfe aktiv ist und die Patenschaft für die ersten vier Ukrainer übernehmen wird. „Sich sportlich betätigen zu können bekommt ihnen sicherlich gut und hilft den Kopf frei zu bekommen um auf andere Gedanken zu kommen“, so Trainer und Fechtmeister Wilfried Lipinski.

Erstmals seit 2019 fand am vergangenen Sonntag in der Sporthalle des GVO mit den Landesmeisterschaften im Degenfechten der Altersklassen U11 und U15 wieder ein Fechtturnier in Oldenburg statt. Mit am Start auch die 12jährige Ukrainerin Vasilisa Demydova die vor einigen Wochen sicherlich nicht damit rechnen konnte einmal bei einer deutschen Landesmeisterschaft an den Start zu gehen. So wurde sie nach ihrer Flucht aus der Ukraine Anfang März bei der Eröffnungsansprache von Bürgermeisterin Nicole Piechotta auch als einzige Sportlerin persönlich begrüßt und herzlichst willkommen geheißen. „Das zeigt einmal mehr welch eine integrative Funktion der Sport hat. Schön das der FC Oldenburg das möglich gemacht hat“, so die sportbegeisterte SPD-Politikerin.

So viel Aufhebens um ihre Person behagte der 12jährige sichtlich nicht, wollte sie doch nur ihrer Leidenschaft dem Fechtsport nachgehen. Das gelang ihr dann auch überaus erfolgreich. Gleich bei ihrer ersten Meisterschaft für den FC Oldenburg konnte sie sich einen guten Bronzeplatz erkämpfen, den sie sich mit ihrer neuen Vereinskollegin Sofie Vogelgesang teilte. Den Landesmeistertitel holte sich hier die Oldenburgerin Maite Wentzler, die im Finale Vereinskollegin Juli Lüers bezwingen konnte. Damit ging dann auch der Mannschaftstitel nach Oldenburg. Gold und Bronze gleich beim ersten Wettkampf, so darf es gerne weitergehen für Demydova.

Auch in der männlichen U15 ging der Titel mit Mone Ikei an einen Sportler des FCO. Dritter wurde hier Teamkollege Vincent Rhiemeier. Den Mannschaftstitel holte sich hier allerdings der Osnabrücker SC. Mit nur einem Treffer weniger landete die erste Mannschaft des FCO hier auf dem zweiten Platz. Dritter wurde die 2. Mannschaft der Gastgeber. Ein reines FCO-Podest gab es in der weiblichen U11 durch Tessa Dauskardt (Landesmeisterin), Sophie Gerdes und Jule Eilers. Bei den Jungs holten sich Cedrik Brodatzke und Arik Hoppe die Plätze Eins und Zwei.